Blumen

Montagmorgen, eine weitere graue Woche hatte begonnen. Sie stand aus dem zerschliessenen, mit schwarzem Filzstift verschmierten Sitz auf und wartete, bis die automatische Türöffnung einsetzte.
Sie brauchte gar nicht mehr weit zu gehen, ihre Arbeitsstelle lag gleich hier am Bahnhof – ein kleines, steriles Café in der ersten Etage.
Müde reihte sie sich in die Schlange der auf der Rolltreppe stehenden Menschen ein – acht Stunden öde, eintönige Schicht, dann würde sie die gleiche Rolltreppe wieder hinunterfahren.
Kurze Zeit später hatte sie die Brötchen, Croissants und Aufbackpizzen in die Auslegregale geräumt, die ersten Kunden würden gleich kommen.
“Dieses Baguette gerne, und dann einen Kakao. Ja genau, das da links. Nicht unten links, habe ich doch gesagt. Und einen Tee wollte ich. Sagen sie mal, schlafen sie noch?”
Manchmal hätte sie Lust gehabt, diesen penetranten Idioten einfach gründlich die Meinung zu sagen, ohne Rücksicht auf die Folgen. Aber sie brauchte den Job – sie war lange genug arbeitslos
gewesen.
“Sagen Sie mal, was ist denn das für eine Blume, die hier auf meinem Tisch steht? Die, die so riecht ist das eine Crysamthee oder eine Orchidee?”
Es dauerte einen Moment, bis sie die Frage überhaupt verstanden hatte – heute war kein guter Tag: “Weiss nicht, von den Blumen habe ich keine Ahnung. Möchten Sie noch etwas trinken?” Noch so eine blöde Frage, und sie würde dem Kerl seinen Tee oder Kakao über die Hose schütten – diesmal wirklich.
Dann dachte sie einen Moment nach, und sagte: “Ausserdem sind das Kunstblumen, sehen Sie dass denn nicht?”

***

Sie war nervös, als sie heute zur Arbeit fuhr. Es hatte viel Geduld und Überredungskunst gekostet, und nicht zuletzt auch eine gehörige Portion Mut – der Chef war auf Veränderungen meist nicht gut zu sprechen.
Die Lieferung mit der neuen Dekoration für die Tische und die Auslegware musste heute kommen – Blumen. Echte.
Die Idee war ihr letzten Montag gekommen, abends in der U-Bahn, auf dem Weg nach Hause. Sicher, man würde sie regelmäßig erneuern müssen, sie würden frisches Wasser brauchen, aber vielleicht…
Vorsichtig verteilte sie Vase um Vase auf den mit kleinen blauen Papierdeckchen dekorierten Stehtischen. Und als die ersten Kunden hereinkamen, fühlte sie in ihrem Herzen eine lange vermisste, freudige Unruhe.

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