Bio

(Samstag)

„Guten Tag! Hallo? Das Hackfleisch, ist das auch wirklich echt Bio? Ja? Dann geben Sie mir bitte 3 Pfund davon!“

Ich brauchte einen Moment, um in den morgendlich tiefstehenden Sonne den Verursacher der schrillen, nervenzersetzenden Stimme ausmachen zu können. Verdammt – ich würde mir eine etwas bessere Arbeitsdisziplin angewöhnen müssen, auch auf dem Münsteraner Wochenmarkt konnte man mit den Kunden nicht machen, was man wollte.

Ich wog die gewünschte Fleischmenge ab, wickelte sie in Papier ein und reichte sie der Kundin, die sich jetzt sogar dazu herabliess, mir ein Lächeln zu schenken.

Was war nur los mit mir? Ich fühlte mich fürchterlich heute, war unausgeschlafen und hatte Kopfschmerzen – gerade so, als ob ich gestern Abend die Nacht zum Tage gemacht hätte – aber ich konnte mich an nichts aussergewöhnliches erinnern.

Nachdem sich der Domplatz geleert hatte, machte ich meine Abrechnung, packte meine Sachen zusammen und fuhr zurück in meine Wohnung.

Übrigens liefen die Geschäfte gut, ich konnte mich nicht beklagen. Es mussten die niedrigen Preise sein, die die Kunden in Scharen zu meinem kleinen Biofleisch-Stand trieben. Ich hatte wohl Glück gehabt mit der Wahl meines Zulieferers – oder so.

Ich parkte meinen Wagen und betrat meine ruhige, abgelegene Wohnung nahe der Antoniuskirche – mir ging es zwar schon etwas besser, aber immer noch nicht wirklich gut; wie so oft in letzter Zeit hatte ich das unangenehme, mulmige Gefühl, das irgendetwas nicht stimmte. Ich entschloss mich dazu, einen Spaziergang über die Promande zu machen, vielleicht würde das ja helfen.

Gestern war ich auch schon spazieren gegangen, fiel mir ein, als ich die Haustür hinter mir zuzog und meine Schritte langsam in Richtung Kreisverkehr lenkte.



(Mittwoch)

Die Kpfschmerzen waren diesmal noch schlimmer. Ich musste ein grauenhaftes Bild abgeben, wenn ich nur halb so schlimm aussah, wie ich mich fühlte.

„Ach, geben Sie mir doch bitte wieder 5 Pfund von Ihrem fantastischen Gehackten, mein Mann und meine Kinder können gar nicht genug davon kriegen!“

Wie soll ich den Tag bloss durchstehen?



(Abends)

Es ist schon sehr spät, der Mond scheint, und langsam beginne ich mich zu entspannen. Die Abendlichen Promenadenrundgänge sind mittlerweile zu einer lieben Gewohnheit für mich geworden – ich beobachte die zahllosen Kaninchen, die sich friedlich im silbrigen Mondlicht tummeln, und allmählich füllt sich mein Herz wieder mit Frieden.

Heute Abend dauert es sehr lange, bis ich nach Hause gehe.



(Samstag)

Es gibt hier immer mehr Dinge, die mich zutiefst verwirren. All das Fleisch, das ich hier Tag für Tag verkaufe – ich frage mich, seit wann ich diesen Job überhaupt mache. Wenn ich versuche, weiter als ein paar Wochen zurückzudenken, ist es so, als würde sich eine schwarze Decke über meine Gedanken legen.

Als es Nachmittag wird, nehme ich meinen Rucksack und verschwinde so schnell ich kann in meine Wohnung und lege mich schlafen – ich habe Angst.



(Abends)

Es ist ja nun schon obligatorisch, dass ich meine Abende hier verbringe – wobei von ‚Abend‘ kaum mehr die Rede sein kann – es ist tiefe Nacht, und die Strassen sind menschenleer.

Ein paar Kaninchen hoppeln vorlaut über meine Füsse – in mir ist eine Spannung, die so gross ist, dass ich Himmel und Erde entzweischreien könnte, und doch kann ich nicht reden. Ich weiss nichts, so sehr ich auch versuche, das alles hier zu ergründen.

Irgendetwas zerreisst in mir, und ich gebe mich dem Strom in mir hin. Ich wehre mich nicht mehr. und es ist, als würde sich ein schwarzer Vorhang von meinen Augen lösen – ich kann mich jetzt mit Distanz sehen, und fast umspielt so etwas wie ein Lächeln meine Mundwinkel – was für ein Bild, wie ich hier so stehe, alleine Nachts mit meinem grossen Rucksack, und der kleinen, handlichen Armbrust, die sich so leicht unter der Jacke verstecken lässt.

Gerade hier, an dem albernen Glastunnel, der den Eingang zur Hochschule für Musik bildet, ist die Wiese voller fetter Kaninchen, die im ruhigen, bürgerlichen Münster schon fast zu einer Plage geworden sind. Die letzte Angespanntheit verlässt jetzt meine Seele, und ich fange an laut zu lachen – wen interessieren schon Grund und Ursache, Sinn und Vergangenheit – der Laden brummt und die Kasse stimmt, und niemand wird mir hier jemals in die Quere kommen.

Langsam lege ich die Armbrust an meine linke Schulter, ziele auf den erstbesten Karnickel, der sich vergeblich mit einem ungeschickten Hechtsprung inSicherheit zu bringen versucht, und drücke ab.

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