Berlin 2006, Teil 3: Unter den Linden (nachts)

Hochbefriedigt verlasse ich den Bereich der Friedrichstrasse und nähere mich der Kreuzung “Unter den Linden”. Was mich treibt: die Suche nach einem Abendessen.
Vor mir sehe ich eine Menschentraube – Passanten, von spontaner Neugierde zusammengetrieben. Aus ihrer Mitte heraus ragt ein Mann: gross, kahlköpfig – charismatisch.
Ich komme näher und sehe: in einer Hand hält er eine Bratkelle, in der anderen eine Ketchupflasche – er verkauft Thüringer Bratwurst, das ist die Ursache für all die Menschen hier.
Für einen Moment bin ich versucht, mich ihnen anzuschliessen, dann beschliesse ich aber doch, weiterzugehen.
Ich biege also ab auf diese so geschichtsträchtige Straße (und hier kann ich meine neu erworbene Bildung an den Mann bringen – sie führt direkt zum Brandenburger Tor) und flaniere lässig an den sich vor mir auftuenden Restaurants und Cafés entlang. Ein Blick auf die Preise sagt mir – machbar, aber vielleicht..nunja.
Während ich also weiter gehe, fällt mir die Hintergrundmusik auf, die – gerade in der gehobeneren Klasse – natürlich von jedem Laden hier produziert wird,
Zuerst höre ich den üblichen Mix aus bekannter Schmuseklassik – zum Glück ist es mir hier ja sowieso zu teuer. Dann aber wird es interessant: an mein Ohr dringt ein futurischtisches Gemisch aus Wagnertuba, sphärischen Streichern und kontrapunktierendem Schlagzeug – das ganze ist allenfalls noch mit Gustav Mahler zu vergleichen. Neugierig nähere ich mich dem entsprechenden Lokal, werde aber enttäuscht – nicht nur ist die äussere Erscheinung eine eher biedere, auch die Preise entsprechen leider ziemlich genau denen des Vorgängers.
Eine zweckdienliche Erweiterung meines Wahrnehmungsfeldes macht allerdings schnell deutlich, warum: Die von mir vernommene Musik dringt keineswegs aus dem vor mir liegenden vornehmen Restaurant, sondern erfüllt vielmehr die ganze Straße, unterstützt von bunt flackernden Lichteffekten, die auf einer Strecke von ca. 100 Metern die erste Etage des Gebäudekomplexes ausfüllen.
Meine Verwirrung ist durch diese Erkenntnis nicht geringer geworden. Ich betrachte die Menschen auf der Straße, die in vornehme Anzüge gekleideten Angestellen der Nobelrestaurants – jeder geht hier unbeirrt seiner Tätigkeit nach, keiner verzieht eine Miene, niemand lässt sich etwas anmerken – Ok, denke auch ich, lassen wir die Sache auf sich beruhen und tun so, als ob das hier völlig normal wäre.
Dennoch beschliesse ich, diese Straße umgehend zu verlassen. Ich werde mein Abendessen in einer Pizzeria einnehmen, die mir empfohlen worden ist und die ich sowieso noch auf dem Programm stehen hatte – in der Karl-Marx-Straße, am anderen Ende der Stadt.

Um die durch den Weg dorthin zwangsläufig entstehende Zeitspanne zu überbrücken, entsinne ich mich des charismatischen Glatzkopfes mit seiner Thüringer Bratwurst.
Zehn Minuten später stehe ich in der Schlange, die in der seither verstrichenen Zeit nicht kleiner geworden ist, und schaue dem Glatzkopf bei seiner Arbeit zu. Plötzlich höre ich rechts von mir eine Stimme: “Auch nicht schön, diese Steherei hier, den ganzen Tag…”
Mein Blick fällt auf ein kleines, verhutzeltes Männchen. Offensichtlich ist er der Kopf des Unternehmens, den er kassiert das Geld von den Leuten, die in der Schlange stehen. Ich beeile mich, ihm ebenfalls zwei Euro für meine Bratwurst in die Hand zu drücken.
“Ein Stuhl wäre vielleicht gut…” sage ich – seine Augen haben kurz die Meinen getroffen, und ich sehe das Leid, das aus ihnen spricht.
Er denkt nach und zieht dann aus einem Berg Gerümpel eine etwa einen Meter hohe, leidlich stabil wirkende Plastikkiste heraus. Er setzt sich, und für einen Moment glaube ich in seinem Blick so etwas wie Erleichterung erkennen zu können.
Dann fährt er damit fort, das Geld von den Menschen in der Schlange zu kassieren – auf Abstand, von seiner Kiste aus: “Hier bitte bezahlen, ich kassiere”. Und zu mir gewandt fügt er hinzu:
“Ach wissen sie, ich muss sowieso neue Hüftgelenke haben, da nützt alles nichts…”
Ich möchte ihm antworten, aber gerade bin ich selbst an der Reihe. “Eine Bratwurst mit Brötchen” bringe ich hervor, während ich im Hintergrund wahrnehme, das jemand anders die Unterhaltung aufgegriffen hat und jetzt fortführt – die Stadt, die Bürokratie, und all das übrige.
“Senf oder Ketchup?” werde ich gefragt, und dann: “Senf ist alle.”
“Ketchup” sage ich, “kein Problem” – nehme dem großen kahlköpfigen Mann das Brötchen mit der Bratwurst aus der Hand und gehe gedankenverloren und glücklich weiter. Ich mag keinen Ketchup, aber wie könnte mich das jetzt stören – jetzt, wo es mir vielleicht gerade gelungen ist, einen kleinen, wenn auch unbedeutenden Teil zu der von mir so geliebten Lebenskultur dieser wunderbaren Stadt beigetragen zu haben.

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