Berlin 2006, Teil 2: Alexanderplatz

Auf dem Programm heute: der Fernsehturm, ein Zugeständnis ans klassische Sight-Seeing, und Gleichzeitig eine Huldigung meiner grenzenlosen Eitelkeit: Auf das es hoch über der Stadt throne, mein ich – am besten bei einer lässigen Currywurst im Telecafe.
Auf dem Weg dorthin kam mir die DGB-Demo in die Quere. Zum Teilnehmen fühlte ich mich zu uninformiert, zuschauen als quasi Demokratie-Tourie widersprach meinen moralischen Grundsätzen.
Auf meinem Umweg viele Polizeiwagen – am Ende war der Alexanderplatz gar abgesperrt? In meinem Kopf entstand folgender Dialog:
Polizist: He Sie, wo wollense denn hin?
Ich: Oh, entschuldigung, wollte nur mal so auf den Fernsehturm rauf. Warum?
P.: Da is‘ gesperrt heute: Demonstration von der DGB.
I.: Oh – ich bin nur Tourist, mit der Demo habe ich nichts zu tun.
P.: Watt soll’n jetz datt heesen – mit der Demo habense nichts zu tun? Is Ihnen datt allet ejal, oder watt?
I.: Nein, ich meine nur, dass…
P.: Wissense, bei Leuten wie Ihnen, da könnte ich echt das Kotzen kriegen, wissense? Die Leute nagen hier echt am Hungertuch, wa? Und da stehn Sie hier vor mir und sajen, datt jeht Sie allet nischt an – nee, ik wees nich. Also, Sie kommen hier heute nich reen, damit datt klar is. Gehen se ma wech, bevor ich unjemütlich werde!
Wie auch immer, der Platz war nicht gesperrt. Nach 8 Euro Eintritt und 1 Std, Warten trat ich erwartungsvoll (bzw. schon halb desillusioniert) aus dem Aufzug. Schade – die Aussichtsplattform war nicht im Freien, das Telecafe war voll. Nunja – Christian und das Sight-seeing; wie gut, das ich alleine Urlaub mache.
Wenn ich jetzt aber schonmal hier bin, werde ich auch sämtliche 360 Grad begutachten. Bedächtig und nur bedingt interessiert schritt ich die von kanonenrohrartig in Reih und Glied zwischen den Ansichtstafeln angeordneten Kindern umsäumten Fenster entlang.
Neben mir ein Gespräch:
‚Ja, dass. Dass ist jetzt wirklich schön. Ja, wirklich, schön ist das. Jetzt wirklich, das ist schön.‘
Himmel, denke ich, warum verdammt nochmal könnt ihr nicht selber und eigenständig denken – tut das weh oder was?!
Und dann:
‚Und kucke ma da, da hinten in dem Haus, das mit dem Fenster, da wohnt die Bärbel.‘
Wir befinden uns in 203m Höhe.
Jedenfalls, ich hatte meinen Spaß. der Tag war gerettet.
Und ein spontaner Ausbruch aus der Anonymität zum Schluss, im Fahrstuhl nach unten. Jemand fragt den Fahrstuhlführer: ‚Wieviel Fahrten machen sie denn so, pro Schicht?‘ – ‚So an die 150‘. Ein beeindrucktes Raunen geht durch die 8-Köpfige Menge. Ich betrachte den kleinen, netten, dicken und schon ergrauenden Mann, und frage: ‚Und wie lange dauert eine Schicht?‘ – ‚8 Stunden, wie normal‘ Er tut mir leid. ‚Und das ohne Stuhl?‘
Wieso lachen jetzt all diese Leute.
‚Äh, ich meine…‘
Ok, jetzt hattet auch ihr euren Spaß – 1:1.

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