Berlin 2006, Teil 1: Picasso

Heute ist der dritte Tag meines Urlaubs, Freitag. Ich werde einer Empfehlung folgen – Prenzlauer Berg, Kastanienallee.
Ich merke, mittlerweile fängt die Sache an, zu funktionieren. Ich habe hier meinen eigenen Rhythmus entwickelt, abseits vom etablierten Sight-Seeing, das mich nicht interessiert. Ich hangele mich die Straßen entlang, mittags von Bistro zu Bistro, abends von Kneipe zu Kneipe. Es ist ein Leben, das mir gefällt – fühle mich sehr präsent und zur gleichen Zeit nicht vorhanden – ich weiss nicht mehr, was ich heute Morgen gemacht habe.
Ich schaue mir die Fassaden an, die Straße, die Menschen – vor einer Kirche eine junge Frau, die einen Kinderwagen schiebt.
Mein Weg führt mich an einem Laden vorbei, eine Neueröffnung, ganz in grün. Ich schaue hinein und sehe junge, glückliche Gesichter, zusammen über eins dieser kleinen Labtops gebeugt, die man hier überall sieht. Ihre Profile, stolz und schön, sind einander zugewandt.
Ich möchte hineingehen und zu ihnen gehören, aber ich verstehe nicht einmal was sie dort verkaufen, in dem Laden. Nur was es nicht gibt, weiss ich, es steht draußen auf einem Schild: ‚Keine Kundentoiletten.‘ Daneben entdecke ich noch ein Schild – ‚Coffee to go‘ steht drauf – kann das alles sein?
Ein anderer Laden, ein anderes Schild: ‚Bitte achten Sie auf Ihre Wertsachen – auch hier gibt es Taschendiebe‘ – gut, dass ich das weiss. An der gegenüberliegenden Wand ein Portrait – Popeyes Freundin überlebensgross auf einer Pappwand, in ihrer Hand ein Maschinengewehr – ‚Nieder mit dem Kapitalismus!‘.
Ich schaue mir die Menschen an, und denke: Irgendetwas verbindet Euch alle hier, macht Euch gleich, und diese Gleichheit versetzt Euch in eine nur für Euch verständliche Schwingung, lässt Euch vibrieren, und auf diese Weise erschafft Ihr Euren eigenen Flow.
Läden entstehen und verschwinden wieder, manche von ihnen so bizarr, dass es sich eigenlich nur um Traumgespinste handeln kann. Eilig aufgestellte Plattenkartons gleichberechtigt neben Designermöbeln – Markenkleidung hinter abbruchsreifer Rolladenfassade.
Ich beobachte die Menschen, und merke, mir haftet ein Makel an, der Makel der Kleinstadt, könnte man sagen. Aber mir kommt ein anderes Wort in den Kopf: ‚Wohlbehütet‘.
Ich kehre zurück zu dem grünen Laden von vorhin – die Menschen mit ihrem Labtop sind verschwunden, der Laden liegt leer und verlassen vor mir. Vielleicht wird er morgen schon schliessen – und vielleicht wird es niemand bemerken.
Ich habe mir einen neuen Spruch überlegt: ‚Hallo, kannst Du mir sagen, woran der Held in meinem neuesten Text stirbt?‘ Der Text steckt griffbereit in meiner Tasche, falls ich ihn brauche.
Eine Frau spricht mich an, an der Ampel:
‚He, hast Du 30 Cent für mich?‘ Ich schaue sie an, sage ‚Nein‘ und gehe weiter. In ihren Augen habe ich ein Leuchten gesehen, das so wild und stark war, dass es meine Seele verbrannt hätte, wenn ich sie berührt hätte. Ich gehe weiter und wundere mich einen Moment lang über mich selbst. Sie hätte alles von mir haben können – alles, aber keine 30 Cent?
Plötzlich bekomme ich Angst – die Dunkelheit ist hereingebrochen, die Masken fallen. Man wird jetzt merken, das ich nicht hierhergehöre. ‚Wohlbehütet‘ – Ich sollte machen, dass ich von hier verschwinde.
In der U-Bahn sitzt mir eine junge Frau gegenüber, sie schient nur aus ihren grossen, leuchtend braunen Augen zu bestehen. Das, und das alte Kaugummi auf dem sie kaut. Natürliche Schönheit – Schönheit mit Resten abgeblätterter Farbe auf den Fingernägeln.
Ich betrachte mein eigenes Spiegelbild – meine Haare, bizarr geplättet von der Mütze, die ich den ganzen Tag getragen habe. Unglaublich, wie sehr man die wenigen Quadratzentimeter seines Gesichtes hassen kann.
Ich weiss, woran der Held in meiner Geschichte stirbt, ich habe sie ja selbst geschrieben – er stürzt sich zu Tode und stirbt den Tod eines Feiglings.

(einige Stunden später)

Kurz vor Ende des Konzerts verlasse ich das Lokal – es ist spät, und ich weiss nicht, wie lang die S-Bahn noch fährt. Durch das Fenster sehe ich noch einmal die Sängerin in ihrem schwarzen Abendkleid, sie verbeugt sich vor dem Publikum. Schwach kann ich durch die Scheibe den Applaus hören.
Mein Weg zur Station führt mich zurück auf diese Straße, eine andere, die, vor der man mich gewarnt hatte, und die mir bei Tageslicht so harmlos erschienen war – harmlos, aber interessant: Szenekneipen, Ramschläden – Subkultur.
Ich überdenke meinen Entschluss, jetzt schon nach Hause zu gehen – es ist Freitag Nacht, es wird schon irgendwie klappen.
Ich gehe also weiter, und dann sehe ich sie: Körper um Körper in einer langen Reihe, sauber abgemessene Parzellen im Raster der schon bekannten Kneipen und Läden. Aufgespritzt und abgeschnürt wirken sie eher wie Comicfiguren als wie lebendige weibliche Wesen – ihre Uniformität hat fast etwas militaristisches – ausgeschwärmte Dronen, Nachts auf Beutezug.
Unglaublich, das manche Männer auf so etwas stehen.
Ich passiere die erste von ihnen, schaue weg und es geht gut – nichts passiert, sie scheint mich nicht wahrzunehmen. Die zweite kommt auf mich zu, spricht mich an: ‚He, bleib doch mal stehen!‘ Und dann enttäuscht, in beinahe mädchenhaftem Ton: ‚Warum nicht?‘
Ich gehe weiter, aber für einen Moment bin ich aus dem Konzept gebracht: Ich finde sie nett.
Ich suche nach einer Kneipe für ein letztes Bier, bin unschlüssig und kann mich nicht entscheiden. Nach einer Weile gehe ich den gleichen Weg zurück, habe nichts gefunden – man kennt das.
Ich gehe zum zweiten Mal an ihr vorbei, sie erkennt mich wieder, und ruft: ‚Wieder nicht, Picasso?‘
Ich sage nichts, aber fange an zu grübeln: Picasso? Mein Jackett, das bunte Streifenhemd, die Mütze – Ok, warum nicht, Picasso.
Kurze Zeit später kann ich die allgegenwärtigen ‚Hallo’s und ‚Huhu’s nicht mehr zählen – es stört mich, ich antworte auch nicht mehr. Ich schaue in die Gesichter der Frauen und finde sie alt und hässlich.
Ich weiss immer noch nicht, wo ich mein letztes Bier trinken möchte – einen Döner habe ich mittlerweile gegessen, um Zeit zu gewinnen.
Ich beschliesse, das hier zu beenden, ich will nach Hause. Ich setze mich in den nächstbesten Laden, bestelle ein Bier, trinke es nur halb aus. Es gefällt mir hier nicht, ich gehe wieder.
Auf dem Rückweg das gleiche Spiel:
‚He, bleib doch mal stehen, wo willst Du denn noch hin so spät?‘ Ich bin zu müde, um mir eine gute Ausrede auszudenken. ‚Nach Hause‘ Ich weiss selber, wie schwach das klingt.
An der Treppe zur S-Bahn steht sie wieder, sie sieht mich an und sagt nur: ‚Ach, Picasso…‘

Einige Zeit später, ich habe auf die S-Bahn warten müssen, beginne ich mich zu entspannen. Die Welt wird ruhiger, überschaubarer. Klein, handlich, greifbar.
Ich sehe mich selbst in der dunklen Fensterscheibe, und denke:
‚Picasso?‘
Picasso.

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