Das Mädchen und der Drache

Gut versteckt hinter einem Baum stand ein kleines Mädchen und wartete. Sie wartete auf einen jungen Prinzen, der ausgezogen war, einen bösen, gefährlichen Drachen zu töten. Das kleine Mädchen kannte den Prinzen gut, denn der Prinz hatte schon einmal versucht, den Drachen zu töten, und war dabei schwer verletzt worden. Verträumt lehnte es den Kopf an die warme Rinde des Baumes und dachte zurück…

Blutend und auf zwei Holzkrücken gestützt war der Prinz aus dem Wald herausgehumpelt gekommen, und dort hatte das kleine Mädchen ihn zum ersten Mal gesehen. Sie war zum Spielen hierher gekommen, wie sie es öfter tat, aber diesmal hatte sie ein kleines, handgenähtes Täschchen bei sich getragen. Im seinem Inneren befanden sich ein Bündel Kräuter und ein paar Stofftücher. Das Täschchen war ein Geschenk ihrer lieben Mutter – das kleine Mädchen hatte oft bösen Heuschnupfen, und die Kräuter, eingerieben in die Tücher, taten ihr wohl.

Der Prinz war auf sie zugekommen, hatte sich mit letzter Kraft hilfesuchend an den einzigen Menschen gewandt, den er finden konnte, und sei es nur ein kleines Mädchen. Direkt vor seinen Füssen war er dann erschöpft und ohnmächtig zusammengebrochen. Das kleine Mädchen hatte grosse Angst gehabt, der Prinz könnte vielleicht sterben, und hatte verzweifelt darüber nachgedacht, wie sie ihm helfen könne. Und als ihr trotz allem Nachdenken gar keine Lösung einfallen wollte, hatte sie das Täschchen geöffnet, hatte die Kräuter in die Tücher eingerieben und sie dem bewusstlosen Prinzen auf den zerschundenen Körper gelegt. Dann hatte sie die Augen geschlossen und gebetet, der Prinz möge wieder zu sich kommen. Und das Wunder war geschah – nach einiger Zeit hatte sie gefühlt, dass sich neben ihr etwas bewegte. Sie hatte die Augen geöffnet und direkt in das Gesicht des Prinzen gesehen:

„Liebes Mädchen, Du hast mir das Leben gerettet, und dafür werde ich Dir ewig dankbar sein. Ich muss jetzt fort, ich muss zurück zum Schloss meines Vaters, um wieder stark und gesund zu werden. Dann aber werde ich wieder ausziehen und gegen den Drachen kämpfen. Wenn dies soweit ist, wirst Du es fühlen, und ich bitte Dich darum, dann wieder hierher zu kommen, und an genau dieser Stelle, an diesem Baum auf mich zu warten. Wenn ich zum zweiten Mal gegen den Drachen kämpfe, werde ich ihn besiegen, und dann kann ich dich als meine Braut auf mein Schloss führen.“

Nachdem er das gesagt hatte, war der Prinz aufgestanden und zurück in den Wald gegangen. Das kleine Mädchen aber war nach Hause gegangen, und als sie eines Tages tatsächlich spürte, dass der Prinz wieder ausgezogen war, um den Drachen zu bekämpfen und zu töten, war sie wieder hinaus in den Wald gegangen, hatte sich an denselben Baum gesetzt, an dem sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte, und auf ihn gewartet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.